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Demokratietheorie für Brandstifter I

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Alain Brossat: Plebs InvictaBerlin 2012

Vom Ungeziefer das zu verabscheuen ist

In dieser von Schlafwandlern bewohnten Wüste ist der Aufstand der Schrei, der die Nacht zerreißt. Doch wer möchte ihn hören?
-Alain Brossat

Im Anschluss an den Gipfel der G20 in Hamburg ist eine neue Debatte über Gewalt losgetreten worden. Die ausufernde Brutalität der Polizei ist dabei auch thematisiert worden. Mehr noch, als dass Hamburgs regierender Bürgermeister die Hansestadt für eine Woche zu seinem persönlichen SM-Keller gemacht hat, erregt aber eines die bundesrepublikanischen Gemüter: Dass Gewaltbereite gewalttätig geworden sind.

CDU-Generalsekretär Peter Tauber konstatierte dazu scharfsinnig: „Man muss die Frage stellen: Was läuft da schief, warum kommt es zu dieser Gewalt ganz rechts und ganz links?“ Während ihm die Antwort für rechte Gewalttäter – die er laut Eigenaussage nicht zu seinen politischen Gegnern zählt – einfach fällt (Verlustängste), liegt ihm die Sache für die Linken doch schwerer: „Ob es das bei Linksextremen auch gibt oder ob es einfach nur Langeweile und die Lust an der Provokation ist, weiß ich nicht genau. Ich sehe da junge Menschen, die in Deutschland alle Freiheitsrechte haben, aber meinen, hier den Kampf gegen den Kapitalismus führen zu müssen.“

Es ist aber nicht nur die bürgerliche Rechte, sondern auch die bürgerliche Linke, die sich diesem Konsens der Delegitimierung und Diffamierung der militanten Proteste anschließt. Freilich kleidet sich diese nicht in die „Law-and-Order“-Parolen der Konservativen, die im Riot den Missbrauch des von den Herrschenden großmütig gewährten Privilegs der Versammlungsfreiheit sehen. Ihre Taktik ist subtiler, zwei Beispiele aus der Taz illustrieren dies. Nina Apin etwa reflektierte über die „toxische Männlichkeit“ die im Riot zur Schau getragen wurde. „Man muss nicht dabei gewesen sein in Hamburg, es reicht, Videoaufnahmen und Fotos zu betrachten um feststellen zu können: Bei den Hamburger G20-Krawallen lag, übrigens auch bei prügelnden Polizisten, verdammt viel Testosteron in der Luft.“ Auch wenn Apin hier den Polizisten noch en passant einen mitgibt, von Taubers Position unterscheidet sie sich nur marginal. Der einst als „Mescalero“ bekannt, und als linksextrem berüchtigt gewordene Klaus Hülbrock, schreibt gar, die Randalierer seien „so obszön wie die Gipfler selber“.

Sowohl für Apin als auch für Hülbrock dienen diese beiden Argumente als Modus der Distanzierung. Durch ihre Intellektualität werden sie ihnen aber nicht weniger zur Geste der Unterwerfung. Die Wahl des Modus, nicht der Argumente ist hier entscheidend: Das Herausstreichen von Maskulinismus bzw. Obszönität geschieht bereits in dem Wunsch sich zu distanzieren, sich einzugesellen in die Reihen der Herrschenden, die die Frage stellen „Wer waren diese Leute?“ und doch die Antwort schon parat haben: Das Ungeziefer, das zu verabscheuen ist.

Die Revolte des Ungeziefers

Die zahlreichen Einlassungen der politischen Kammerjäger nun sind in dieser Hinsicht langweilig, weil unkritisch. Die Frage aber „Wer waren diese Leute?“ ist weiterhin zu beantworten. Nicht mit Namen und Anschrift freilich, wie es der Polizeiapparat sich wünscht und nicht mit schauerlichen Homestorys aus besetzten Häusern, wie es die Öffentlich-Rechtlichen tun. Beides wäre albern. Interessant jedoch ist es, dass Tauber, Apin und Hülbrock recht haben: Ja, die, die randaliert haben, haben Lust an der Provokation, ja, es waren viele junge Männer darunter, die sich und andere gefährdet haben, ja, darin liegt eine gewisse Obszönität.

Der Skandal jedoch ist größer: All das ist Ausdruck einer Verweigerung des Diskurses. Es ist der Abfall vom totalitären Konsens, dass alles durch Austausch von Argumenten zu regeln sein muss. Es beinhaltet die Weigerung, sich dem Phantasma einer grundlegenden Gewaltlosigkeit der deutschen Gesellschaft anzuschließen. Formal gesehen ist der Riot nicht die Einführung der Gewalt in die Gesellschaft (in jedem Smartphone steckt mehr davon, als in einem Pflasterstein, der auf Uniformen geworfen wird). Der Riot ist die Sichtbarmachung der Gewalt, einer Gewalt aber, die sich nicht an Gewinnstreben knüpft – denn auch das davongetragene Diebesgut wird wohl kaum zu kommerziellen Zwecken in relevantem Ausmaß verwendet werden.

Der Riot ist die reine Überschreitung, der Exzess und der grenzenlose Zorn, dem keine Worte mehr zustehen. Der Randalierer ist ein Mann ohne Gesicht, ohne Namen, ohne Herkunft und ohne Familie. Selbst sein Geschlecht ist ein fiktives, ein „toxisches“, indem bereits der Dégoût sich ausdrückt, mit dem ihm die Gesellschaft begegnet. Er wird von der Gesellschaft, die sich als Vertretung ihrer Herrschenden zusammenrottet, bis zum äußersten kriminalisiert; aber er wird Randalierer um aus dieser Rotte auszuscheiden, er wird kriminell um sich gegen die Herrschenden und ihre Gesellschaft zu stellen.

Der französische Philosoph Alain Brossat gab diesem Phänomen den Namen Plebs. Historisch ist die Plebs das Gegenstück zum Patriziat der römischen Republik. Der Teil des Volkes also, der aufgrund seiner niederen Abstammung und seiner schlechten ökonomischen Verhältnisse vom politischen Geschehen ausgeschlossen war. Brossat sieht hier eine Denkfigur, die sich auf die moderne Demokratie übertragen lässt. Dadurch, dass die Plebs von der Politik ausgeschlossen ist, ist sie auch von der politischen Form ausgeschlossen: Unfähig ihre Forderungen in der dem Staat entsprechenden Weise zu äußern, ist ihr Auftreten selbst schon eine Überschreitung des politisch angemessenen. Doch ihr Ausschluss von der politischen Form bedeutet auch, dass die Macht keinen Zugriff mehr auf sie hat: „Die Plebs ist das, was eigensinnig und endlos die Grenze jeder Macht aufzeigt und ihrer unendlichen Ausweitung entgegentritt.“ (S. 69) Brossat zeigt hier die Lücke, die sich zwischen der Plebs und dem Patriziat auftut: Das Patriziat hat die Hoheit über die Form des Diskurses, das was darin geäußert werden darf und das was er ergeben kann. Die Plebs ist die Position der Verweigerung, in ihr schwimmen Politik und Kriminalität in eins.

Dabei soll nicht behauptet werden, dass diese „Anderen“ als „Plebs“ Fremde im Staat sind. Vielmehr ist zu zeigen, dass es keine effektive Gleichheit geben kann, weil sie sich für immer – als Masse und als Gattung – in einer dezentrierten Lage bezüglich des gemeinsamen Körpers befinden werden. Es geht also auch nicht darum zu behaupten, dass sie als Gruppe verbannt und aus den Mauern gejagt werden sollten, sondern vielmehr darum zu zeigen, dass ein beständig variierender Teil von ihnen „Abfall“ ist und als solcher konstant ausschließbar oder, zumindest „kriminalisierbar“. Auch aus Sicht der Patrizier ist die Plebs somit eine variierende Einheit und keine Substanz, es gibt „etwas Plebejisches“ und nicht die Plebs als soziale Gattung. (S. 83)

Die Rache des Patriziats

Diese Plebejische Position ist nicht materiell gefährlich. Weder ist durch die Plünderungen ein so großer wirtschaftlicher Schaden entstanden, dass die Konzerne, die sie betrafen (oder gar das kapitalistische System als ganzes) ins Wanken geraten würden, noch waren die Aufständischen an irgendeinem Punkt, an dem sie den Regierenden gefährlich werden konnten. Die Gefahr, die in der plebejischen Position liegt, ist die des Aufbruchs der Totalität des Diskurses. Die Position des Patriziats besteht deshalb nicht in der politischen Bekämpfung, sondern in der kriminalistischen Verfolgung der Plebs; das Patriziat betont die mangelnde Befugnis der Plebs, sich am Politischen zu beteiligen.

Wir sehen, dass diejenigen, die sich genötigt sahen, sich zu äußern, die Position des Patriziats mit Bravour ausfüllen: Wo der rechte Hardliner, der die Randalierer nicht als „Abschaum“ und „Kriminelle“ bezeichnet hat? Wo der Gemäßigtere, der nicht betonte, dass Gewalt nichts mit (linker) Politik zu tun hätte? Beide Positionen sind wenig überraschend, die philosophische Leistung nun besteht darin, zu erkennen, dass beide richtig sind, aber völlig sinnlos. Selbstverständlich ist derjenige, der einen Pflasterstein auf einen Polizisten wirft ein Krimineller (ein Blick in das Strafgesetzbuch reicht aus um das festzustellen). Und auch hat Gewalt nichts mit (linker) Politik zu tun. Zumindest dann nicht, wenn man annimmt, dass sich das Politische in der Form des parlamentarischen Diskurses erschöpft, in dem die metaphorische Unterscheidung von Links und Rechts allein Sinn macht. Doch beide Positionen sind völlig sinnlos, da sie sich in der Perspektive des Patriziats erschöpfen. Es ist trivial festzustellen, dass der Hinweis auf das Strafgesetzbuch einen Randalierer nicht vom Randalieren abhalten wird. Ebenso ist es tautologisch festzustellen, dass ein Aufstand, der sich gegen die politische Form richtet, der politischen Form nicht entspricht.

Wir wollen dies an einem Beispiel illustrieren: Es wurde sich von allen Seiten darüber echauffiert, dass die Randalierer nicht nur Luxuskarossen angezündet haben, sondern auch Kleinwagen. Es ist dabei interessant festzustellen, dass alle (bis hin zu Hamburgs Polizeisprecher) anzunehmen scheinen, dass das Anzünden von Porsches und BMWs ein sinnvoller Beitrag zum politischen Diskurs ist. Ungesetzlich zwar, aber nicht sinnlos. Der materielle Skandal, der sich in diesem Akt der Gewalt gegen kleinbürgerliches Eigentum richtet, liegt darin, dass er den Double-bind der politischen Form selbst offenlegt: Die Herrschaft in der Form des liberal-demokratischen Kapitalismus ist ein offenes Geheimnis. Die Herrschaft der Reichen über die Armen, der Mächtigen über die Machtlosen (etc.) artikuliert sich stets in ihrer eigenen Verleugnung; etwa so, wie ein Schlossherr seine Gäste stets mit den Worten begrüßt: „Willkommen in meiner bescheidenen Hütte“. Innerhalb dieser Logik dient ihr noch die Kritik als Affirmation: Auf den Vorwurf, sie sei böse, menschenverachtend, unterdrückerisch, antwortet sie mit einem leisen Lächeln und den Worten: „Dass du das hier ungestraft sagen darfst, zeigt doch schon, dass es falsch ist.“ Denn auch im Anzünden steckt noch die Anerkennung des Status, den ein teures Auto symbolisiert.

Wenn Luxuskarossen brennen kann das Patriziat also auf seine ureigene Weise reagieren: Es verleugnet die Signifikanz des Aktes im wohligen Wissen, dass man sie schon verstanden hat. Es kann die Kritik, den Hass und die Verachtung als Paranoia diffamieren, weil es weiß, dass sie berechtigt ist. Die Totalität des liberal-demokratischen Parlamentarismus liegt darin, dass noch die außerparlamentarische Opposition als bestimmte Negation an sie gebunden bleibt. Der Versuch in dieser Totalität einen Sinn von Widerständigkeit zu erzeugen ist zum Scheitern verurteilt, weil der Prüfstein der Sinnhaftigkeit selbst die Unterwerfung unter die Totalität dieses Diskurses ist. Die Radikalität der plebejischen Position liegt also darin, jeden Versuch der Sinn-Erzeugung von vorne herein zu unterlassen.

Gegen die pastorale Verwaltung der menschlichen Herde

Das Anzünden von VW-Polos und Renault Twingos ist deshalb so viel skandalöser als das von Luxuskarossen, weil nicht mehr unterschieden wird zwischen den Statussymbolen der Herrschaft und dem Kontext, vor dem sie wirken. Die Gewalt macht keinen Unterschied mehr zwischen den Privilegien der Reichen und den Brosamen, die sie den niederen Schichten hinwerfen, um sie zu sichern. Die Gewalt macht keinen Unterschied mehr zwischen der Peitsche und dem Zuckerbrot. Sie ist kein Angriff auf die Herrschenden, sondern auf die Totalität des politischen Diskurses, hinter dem sie sich verschanzen. Hier gibt es nichts zu verleugnen oder zu entschärfen. Weder kann diese Gewalt in das domestizierte Narrativ der sozialdemokratischen Reformation eingebunden, noch kann sie als fehlgeleitetes Gewinnstreben verharmlost werden. Mit Brossat kann man die These vertreten, dass die denkbar negativste zugleich die radikalste Position ist: Die Randalierer leitete kein systematischer Revolutionärer Eifer (der nur nicht verstand, dass die Revolution nicht durch das Anzünden von Autos kommt), schon gar keine Angst vor den Verlust ihres bürgerlichen Status, sondern reine Lust an der Zerstörung, ohne, dass sich dahinter ein tieferer Sinn verbirgt. Die Sinnlosigkeit aber ist eine ansteckende: Denn genauso wie die Gewalt ist auch ihre Verurteilung sinnlos. Menschen die Polizisten mit Steinen und Flaschen bewerfen, der Staatsverachtung zu bezichtigen ist ebenso tautologisch, wie denjenigen, die aus Lust zerstören, Zerstörungslust vorzuwerfen. Hinter der Besetzung von zwei antagonistischen Positionen finden sich keine tieferen moralischen Wahrheiten.

Doch damit zeigt sich auch das Problem, das in dieser Form der Gewalt zu Tage tritt: Wenn sie keinen Sinn hat, dann hat sie vor allem keinen revolutionären Sinn. Sie zeigt den Double-bind der bürgerlichen Herrschaft, doch den kannten wir vorher schon. Sie zeigt die Verlogenheit des politischen Diskurses, doch die war uns bekannt. Sie zeigt den Totalitarismus der politischen Form, doch wir wussten um sie. Auch Brossat hat für dieses Problem keine Lösung; er sucht auch nicht danach. Wir sind gefangen in dem Dilemma, dass die Gewalt uns nicht ans Ziel führt, jede Distanzierung von ihr aber zugleich eine Unterwerfung unter das Patriziat beinhaltet. Brossats Leistung besteht nicht darin, eine Lösung für dieses Dilemma gefunden zu haben, sondern es aufzuzeigen:

In unserer Gesellschaft kann der Aufruhr nicht erhaben sein, vielmehr ist er notwendigerweise hässlich und grotesk, manchmal widerlich, und zwar aus dem einfachen Grund, dass er keinerlei Urteil der Geschichte vollstreckt, keinerlei Universales verwirklicht, sondern das Resultat einer Abwesenheit und eines Mangels ist – die Abwesenheit und der Mangel des politischen Volkes. Die plebejischen Aufstände erscheinen im Zeichen des Exzentrierten, des Bizarren, Ungewöhnlichen und Besonderen und nicht im Zeichen des Universalen der großen Revolution […] Er hat in diesem Sinne einen hohen Ausstellungswert, gleichwohl kann er nicht als Exemplarisch gelten; er kann als eine Lunte verstanden werden, aber nicht als Modell eines kollektiven Kampfes. Er zeigt das Unerträgliche und nicht mehr – doch das ist immerhin etwas. (S. 88)

Hier gibt es nichts als zwei radikale Positionen, die gegen einander gleich sinnlos sind. Gerade in dieser Sinnlosigkeit liegt aber der Zwang uns zu entscheiden. Das kann aber noch nicht das Ende sein; vielmehr beginnen wir nach dieser Entscheidung unsere Suche nach einem Modell des kollektiven Kampfes. Am Ausgang des Plebejischen wartet also eine Frage wie ein alter Bekannter auf uns: Was tun?