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Anonyme Althusserianer

Bruno Bosteels Die Aktualität des Kommunismus bildet eine umfassende Einführung in das Nachwirken des französischen Strukturalismus. Die von Louis Althusser und Jacques Lacan in den 1960er Jahren angestoßenen Entwicklungen im Denken des Verhältnisses von Philosophie und Politik, Theorie und Praxis, werden anhand einer Vielzahl von zeitgenössischen Theoretikern dargelegt.

 

Leser, die sich vom Titel eine kleinteilige Abhandlung über Marxistische Begriffsgeschichte erhoffen werden enttäuscht sein, der Fokus Bosteels liegt klar auf den Theoretikern des Politischen. In diesem Feld bietet sein Werk aber eine erfreuliche Erneuerung im deutschsprachigen Blätterwalt: während der theoretische Diskurs hierzulande bisher vor allem universitär geprägt war und sich in unendlichen Abstraktionen gefiel, lenkt dieses Werk die Aufmerksamkeit auch auf Denker, die normalerweise nicht in Erscheinung treten. Dies gilt insbesondere für die breite Diskussion des bolivianischen Denkers und Politikers Álvaro García Linera, der hierzulande weitgehend unbekannt ist. Zu Unrecht, wie Bosteels zeigt.

Im Gegensatz zu anderen Einführungen in die Materie beschränkt sich Bosteels nicht auf die Vorstellung einzelner Denker und ihrer Theorien, sondern zeichnet den Diskurs nach, wie er seinen Ausgang von den französischen Meisterdenkern nahm. So erscheinen Denker wie Badiou und Žižek nicht als bizarre Randphänomene eines akademischen Diskurses, sondern im Kontext der aktuellen Entwicklung.

Es bleibt zu betonen, dass es sich bei der Aktualität des Kommunismus um ein Einführungswerk handelt, dass zwar viele theoretische Entwicklungen und dazugehörige Namen vorstellt, diese jedoch zumeist nicht kritisiert und zur nächsten eilt. Dies kann zugleich ein Vorteil und ein Nachteil sein: auf der einen Seite kommt man nach der Lektüre von Bosteels Buch nicht bedeutend schlauer vor, auf der anderen bietet es aber einen gut strukturierten Ausgangspunkt, von dem aus man weitere Studien vornehmen kann.

Die Übersetzung von Harald Etzbach ist gut lesbar, was dieses Buch eindeutig von anderen Übersetzungen postmoderner Theoretiker unterscheidet. Es ist auch höchst erfreulich, dass uns hier der manieristische Stil erspart bleibt, mit dem sich einige Schreiber in diesem Feld als besonders intelligent hervor tun wollen. Bosteels ist es offenbar wichtig, dass er verstanden wird, anstatt es als Ritterschlag zu empfinden unverstanden zu bleiben, wie es leider die meisten tun, die sich bisher an die Aufgabe machten in die Nachwehen des Strukturalismus einzuleiten.

Bruno Bosteels Die Aktualität des Kommunismus ist 2014 im Laika-Verlag erschienen und kostet 19,90. Das Buch ist jedem zu empfehlen, der sich in die aktuellen Theorien des Politischen einlesen will, wird aber auch Leser beglücken, die sich bereits mit einzelnen Denkern – wie Rancière, Badiou, Laclau, Esposito etc. – beschäftigt haben und sich für ihre Entwicklung interessieren. Menschen, die bisher dachten, die Theorien des Politischen seien nur etwas für Leute die sich für die Speerspitze der Intelligenzia halten, weil sie wissen dass das Präfix ‚post‘ nichts mit Briefzustellung zu tun hat, werden angenehm überrascht sein; schwör!

Bruno Bosteels: Die Aktualität des Kommunismus, übersetzt von Harald Etzbach, Hamburg, Laika-Verlag 2014