Monatsarchiv: Juli 2017

Sie wollten Hamburg brennen sehen

Ich habe keine Worte mehr für die Wut, aber ich habe auch keine Argumente mehr für taube Ohren. Für all die an der parlamentarischen Demokratie geschulten Ignoranten, für alle, die dort mehr gesehen haben wollen, wo sie doch nicht gewesen sind, für die, die nie gerannt sind und sich nie hingesetzt haben, als man ihnen sagte: „steht auf und geht!“. Vor allem aber nicht für die, die „unsere Rechte“ sagen, wenn sie ihre Privilegien meinen. Auch habe ich keine Kraft mehr für den Hass auf all die Yupis und Schnösel, für die Bürger, die von weit her, aus den „besseren Vierteln“ kamen, um dort in meinem Namen zu weinen, wo ich meine letzte Träne im Reizgas verlor.

Die Dinge die ich zu sagen habe, mögen die Meisten von euch erschrecken. Selbst diejenigen unter euch, die schon wussten, dass die Bundesrepublik nicht die lupenreine Demokratie ist, die sie zu sein vorgibt. Euch kann sich sagen: es sind zwei Dinge etwas zu wissen und etwas zu sehen. Aber vor allem euch wird es erschrecken, die ihr bisher glaubtet, hofftet, wolltet, Deutschland tauge als Beispiel für die Welt. Vor allem ihr werdet euch fragen, warum ihr mir glauben sollt, einem Niemand, von der Tagesschau bereits zum betrunkenen Schaulustigen diffamiert und nicht dem Polizeichef oder Sprecher, dem ersten Bürgermeister und dem Innensenator, gar der Bundeskanzlerin und dem Präsidenten. Die Antwort darauf ist einfach: Ich will nicht wiedergewählt werden, ich werde nicht bezahlt dafür. Ich bin zu faul für Initiativen und zu ängstlich für Aktionen. Ich habe kein Interesse, außer zu sagen, was ich sah. Vor allem aber: Wenn ihr mir nicht glaubt, weil euch erschreckt was ich sage, dann seid ihr nur einen Schritt davon entfernt mich einzusperren, weil es euch nicht gefällt. Und schließlich: Ich war nicht allein.

Ich habe keine Worte mehr für die Wut, daher spare ich sie für die Ereignisse. Ich habe keine Argumente mehr für die, die es schon immer besser wussten, ich behalte sie mir vor, um zu ordnen, was geschah.

Willkommen in der Hölle

Das deutsche Pressegesetz zwingt mich Straftaten abzulehnen, also lehne ich sie ab. Doch zur Verurteilung von Straftätern hält sich der deutsche Staat einen ausgiebigen, überbezahlten Beamtenstab und es ist nicht meine Absicht ihm die Arbeit abzunehmen. Meine Absicht ist euch zu schildern, was ich gesehen habe, damit ihr nicht vergesst, dass wir auch da waren. Denn ich war da, ich habe es gesehen: Ich habe die Autonomen gesehen mit ihren Windjacken und Halstüchern, mit ihren Flaschen und Steinen, ich habe die Feuer gesehen und ich habe die Scherben gesehen. Ich habe aber auch die Polizei gesehen in ihren Harnischen, mit ihren Helmen und Knüppeln, mit ihrem Tränengas, mit ihren Panzern und Wasserwerfern. Ich habe ihre scharfen Sturmgewehre gesehen. Ich habe gesehen, wen sie umrannten, mit Wasser oder Gas beschossen, wen sie verprügelten und ich habe gesehen, wen sie mitgenommen haben.

Ich habe den Polizeisprecher und den Polizeichef Hamburgs gesehen, wie sie in die Kameras logen. Ich habe den ersten Bürgermeister und die zweite Bürgermeisterin, den Innensenator, den Innenminister, den Vizekanzler, die Bundeskanzlerin und den Bundespräsidenten in ihrer Bereitschaft gesehen mich, meine Schwester, meine Eltern und Freunde und alle, die für eine bessere Welt als die ihre auf die Straße gegangen waren, oder nur das Pech hatten zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein, ihrem Kalkül der Macht zu opfern. Auch in mir habe ich den Zyniker gesehen, der fragt, warum man sich noch wundert, gar empört; dass die Mächtigen nicht die Interessen der Menschen vertreten, sondern nur die Interessen der Mächtigen, sei doch hinlänglich bekannt.

Ich verlor diesen Zynismus am sechsten Juli auf dem Hamburger Fischmarkt: Ich stand auf der Küstenschutzmauer an der Elbe. Unter den Teilnehmern der fraglichen Demo sah ich gerade einmal eine Handvoll Vermummte. Nach dem brutalen Ende der genehmigten Veranstaltung gab Polizeisprecher Zill „bis zu 1000 Vermummte“ als Grund für die Polizeigewalt an. Später zeichnete sich ab, dass diese in den Augen den Öffentlichkeit nicht zur Rechtfertigung ausreichen würden. In seinem nächsten Interview behauptete Zill also, die Einsatzkräfte seien „massiv“ mit Flaschen und Holzlatten beworfen worden. Holzlatten habe ich keine gesehen, dafür aber eine Polizei, die nur auf einen Grund wartete eine missliebige Versammlung aufzulösen, und als sie diesen nicht bekam, auf ihn verzichtete. Ich habe die Panik derjenigen gesehen, die zwischen prügelnder Polizei und Mauer gefangen waren. Ich habe auch den Mut gesehen – der mir fehlt – mit dem sich Menschen gegen die Schlagstöcke stellten um ihren Freunden die Flucht aus dem Kessel zu ermöglichen. Ich habe gesehen, wie die Polizei ihre Wasserwerfer auf die Fliehenden richtete und ich bin gerannt. Am anderen Ende des Fischmarktes habe ich gesehen, wie die Polizei uns die Fluchtwege versperrte, ich habe die Falle gesehen, in die sie uns gelockt hat.

Am berüchtigten Freitag und am Samstag war auch ich im Schanzenviertel. Auch ich habe an Straßenecken gestanden, habe sogar ein Bier getrunken. Ich habe die Feuer gesehen, die Barrikaden, die Löcher im Gehweg, die zerschlagenen Flaschen und die Läden, die sie geplündert haben. Ich habe die größtenteils kindlichen Gesichter gesehen, bevor sie sich vermummten. Brandsätze und Molotow-Cocktails habe ich nicht gesehen, nur die Kriegswaffen des SEK durch eine Lücke zwischen den Mannschaftswagen, die sie aufgestellt hatten, um es vor uns zu verbergen. Ich habe gesehen, wie die Polizei Wasser, Tränengas und Schlagstöcke gegen alle einsetzten, die sie erreichen konnte. Auch Schülerinnen und Schüler, alte Menschen, alle die da waren, sogar Journalisten. Ich habe gesehen wen sie niederrissen und fortschleppten: harmlose Betrunkene, Obdachlose, neugierige Jugendliche und alle die, die naiv genug waren zu glauben, dass sie nicht fliehen mussten, nur weil sie nichts getan hatten. Ihre Gewalt richtete sich nicht gegen die Militanten, ihre Mittelhttp://diewunde.blogsport.eu/wp-admin/post.php?post=134&action=edit waren zu plump, zu brachial um die beweglichen Kleingruppen zu erreichen, ihre Gewalt richtete sich gegen uns. Gab die Polizei am Freitag noch vor, irgend eine andere Taktik als Machtdemonstration zu verfolgen, so gab sie dies am Samstag vollständig auf. Ohne Vorwarnung stürmte sie am Samstag unsere friedliche Versammlung auf dem Neuen Pferdemarkt. Sie wollte Härte zeigen gegen jene, von denen nun niemand so genau sagen kann, wer sie eigentlich sind, und zeigte sie stattdessen gegen uns.

Ganz Hamburg hasst die Polizei!

Im Fernsehen sagte ein zugereister Reporter, die Leute würden lügen, wenn sie riefen „Ganz Hamburg hasst die Polizei!“ Es wirkte hilflos, armselig, wie er seinen Willen gegen das geteilte Gefühl aller Anwesenden setzte; wie er der Republik versichern wollte, es stünde schon nicht so schlimm um uns, auch wir würden in Wirklichkeit noch an die grundlegende Güte der Obrigkeit glauben. Doch ich habe den Hass gesehen. Ich habe die Paranoia bei denen gesehen, über denen drei Tage lang ununterbrochen Polizeihubschrauber kreisten. Aber wahrscheinlich hatte er sogar recht, nicht ganz Hamburg hasste die Polizei, nur diejenigen, die keinen Erst- oder Zweitwagen, keine Schaufenster zu verlieren hatten, nur diejenigen, die sich nicht weit ab in ihren Wohnungen verschanzen konnten, nur diejenigen, die nichts zu verlieren hatten als ihre Rechte, hassten die Polizei. Nur diejenigen hassten die Polizei, die ihr ausgesetzt waren.

Auch ich habe die Polizei gehasst. Von den selbstgerechten Fressen Zills und Meyers, über Schills Bluthund Dudde bis hin zu jedem einzelnen Gesichtslosen auf der Straße. Ich habe gehasst, wie sie uns aus ihren Sturmhauben anstarrten, wie ein Rudel Hyänen das Fleisch. Ich habe gehasst wie sie uns schubsten und gängelten, wie sie die Anwohner einschüchterten, die sich beschwerten, wenn sie an ihre Häuser pissten, ich habe gehasst, wie sie uns durch die Straßen hetzten, vor allem aber habe ich gehasst, wie sie willkürlich jeden mitnahmen, dessen Gesicht ihnen nicht gefiel. Von ganzem Herzen habe ich sie alle gehasst. Darüber mögt ihr euch empören.

Zynisch aber ist es, wenn nun die Bonzen und Politiker gebetsmühlenartig wiederholen die Polizei habe alles richtig gemacht. Und wenn sie ihr Entsetzten über die Gewalt zur Schau tragen, die sie die Gewalt doch nicht gesehen haben. Denn mehr noch als die, von denen sie nun fassungslos sind, waren sie es, die Hamburg brennen sehen wollten. Als die Polizei den Zorn zunächst aufputschte, dann gewähren ließ um schließlich ein Wohngebiet mit Kriegsgerät zu stürmen, begründete sie dies mit der Gefährdungslage der Beamten durch Molotow-Cocktails, die von Häusern geworfen werden sollten. Sollte dies jemals mehr gewesen sein als ein Vorwand, so hat es die Polizei billigend in Kauf genommen, dass wir, die sie durch Polizeiketten in dem Bereich fest hielt, der für Polizisten zu gefährlich war, verbrennen, hat uns zu ihren lebenden Schutzschilden gemacht. Jeder Politiker der sagt, die Polizei habe alles richtig gemacht, sagt nicht nur es sei richtig gewesen uns von der Straße zu prügeln, als wir gegen sie demonstrierten, sondern auch unsere Degradierung zu verkraftbaren Kollateralschäden sei richtig gewesen. Zu Kollateralschäden nicht nur der behaupteten Bedrohung durch Brandsätze, sondern auch der ganz realen Kriegswaffen, mit der die entfesselte Polizeigewalt in unserer Mitte agierte. Jeder Politiker, der sagt, dass sei richtig gewesen sagt nicht nur, es sei richtig gewesen uns unser Recht auf Versammlungsfreiheit zu nehmen, sondern sogar, dass wir nicht zu den Menschen gehören, deren Schutz Aufgabe ihres Staates ist. Wenn sie sagen, es sei richtig gewesen, dann sagen sie uns, es sei richtig gewesen uns gegen sie zur Wehr zu setzten.

Diese Politiker, die nun so betroffen tun, haben von Anfang an auf die Eskalation gesetzt: Das Ziel des Polizeieinsatzes war es nicht Randale zu verhindern, nicht einmal Besitz zu schützen, vielmehr war es die kalkulierte Konfrontation – mit der sie in Hamburg rechnen konnten – die den Herrschenden den Vorwand lieferte um ihre Macht zu demonstrieren. Sie wollten Hamburg brennen sehen, damit sie uns, ihren Pöbel, niederreiten lassen konnten.

In Hamburg habe ich den Zynismus des deutschen Staates gesehen: In der Schule lehrten sie uns, nichts sei so wichtig wie der aufrechte Gang. Auf der Straße zeigten sie, dass sie uns die Beine brechen, wenn wir nicht bereit sind zu knien.

Fotos: Fabian Nophut