Das Symposion der einsamen Herzen

Ich musste ein wenig schielen, um den Lauf der durchgeladenen Halbautomatik fixieren zu können, den mir meine Verlobte an die Stirn drückte. Und während sich die Muskeln in meinen Augenhöhlen schmerzhaft überdehnten, überschlug sich mein drittes Auge in der Ekstase einer rückwärtsgerichteten Hellsichtigkeit. Dies verleitete mein Über-ich dazu wieder einmal ein naseweises „Ich hab’s dir ja gleich gesagt!“, in gigantischen roten Lettern an die Wand meines Es zu schmieren. Damit wurde jede Frage darüber, wie ich mich in diese durchaus miserable Lage manövriert hatte, völlig überflüssig.

In der Tat stand unsere Liebe von Beginn an unter einem schlechten Stern, wie man so zu sagen pflegt. Bereits der Umstand unseres ersten Aufeinandertreffens entbehrte so vollständig alles Schöne, Wahre und Gute, dass es sogar dem bierernsten Goethe ein Lächeln abgerungen hätte. So betrug es sich, dass ich, kurz nachdem ich meine Promotion im altehrwürdigen Fach Philosophie, der Königsdisziplin und Mutter aller Wissenschaften, eingereicht hatte, von einem Freund überredet wurde ihn auf einem Symposion zu vertreten, an dem er nicht teilnehmen konnte. Das Thema der Veranstaltung: die Philosophie der Liebe. Obwohl, braucht man das eigentlich noch, in einer Zeit in der sich jeder mit jedem verlieben und verloben kann? Mit einem letzten Blick auf meinen Kontoauszug versicherte ich mich, dass mir keine andere Wahl blieb als teilzunehmen, dafür aber jeder Grund für intellektuelle Überlegenheitsgefühle. So erschien ich am geforderten Ort zur geforderten Zeit und sogar anständig angezogen.

Am Ort des Geschehens lief mir ein Schauer durch die Nerven meines Rückenmarks angesichts des Plakats, das die Veranstaltung über dem Portal der Universität bewarb: Unter dem Schriftzug „Die Philosophie der Liebe“ prangte dort, merkwürdig verzerrt, ein Foto des neu geborenen Walross-Babys im örtlichen Zoo. Ich hatte zwar gelesen, dass alle es liebten, doch es deshalb gleich zu so philosophischen Ehren zu erheben, das ging mir etwas zu schnell. Aber gut, man wollte ja bürgernah sein. Ich versuchte also herauszufinden, in welchem Panel ich wohl gelandet war. Dies erwies sich als die erste Herausforderung des Tages, da ich keine Idee hatte in welches Überthema mich die Veranstalter wohl gezwängt hatten. Die Frage erübrigte sich, als ich beim Überfliegen des Veranstaltungsplans nicht meinen, sondern den Namen meines Freundes fand. Offensichtlich hatte sich niemand die Mühe gemacht den Plan zu ändern. Ich schlenderte also zum angegebenen Saal und ließ mich am Podium neben meinen Mitreferenten nieder: ein ungewaschener Promovend, der sich offensichtlich für einen Anarchisten hielt und uns etwas über Bakunin, halluzinogene Drogen und ungeschützten Geschlechtsverkehr zu berichten wusste, sowie einer Dame, die, zwar ebenfalls in unserem Alter, jedoch bereits eine Größe auf ihrem Gebiet war: Johanna Schneider-Bartheels. Neben ihrer Tätigkeit für einschlägige Blogs und Szenemagazine zierten ihre Bibliographie bereits drei Monographien: ‚Hannah Arendt und die Männer‘, ‚Martin Heidegger und die Frauen‘ und ‚Was ist der Unterschied zwischen einer Muschi und Kants kategorischem Imperativ? –Zwanzig philosophische Konzepte in schlüpfrigen Witzen‘. Ich überlegte, ob es sich bei ihrem fast schon obszönen Nachnamen wohl um das Ergebnis einer viel zu frühen Vermählung mit einem Herr Schneider oder Bartheels handelte, oder aber um das Ergebnis irgendeiner postfeministischen Doppelnamens-Idiosynkrasie, und welche der beiden Optionen wohl schlimmer wäre. Mein Nachsinnen wurde erst von ihrer Eröffnung unterbrochen: „Was hat Platons Höhlengleichnis gemeinsam mit dem Arschloch von Guido Westerwelle?“ Der Saal fiel auf der Stelle in kollektives Schweigen. Johanna Schneider-Bartheels beging den folgenschweren Fehler dieses Schweigen als gespannte Erwartung der Pointe misszuverstehen und setzte erneut an: „Jeder darf mal seine Nase rein stecken, aber die wenigsten lernen was draus.“ Einigen fiel die Kinnlade herunter, eine Frau in der ersten Reihe ließ sogar ihre Handtasche fallen. Johanna hätte keinen besseren Effekt erzielen können, wenn sie einen illegalen polnischen Kanonenschlag gezündet und in die Menge geworfen hätte. Niemand bewegte sich, nur ein Hipster in der letzten Reihe zwirbelte seinen akkuraten Schnurrbart, fingerte an seinem Goldkettchen herum, rückte dann einen Träger seines Feinripp-Unterhemdes zurecht und kratzte sich im Schritt seiner Trainingshose. Offensichtlich wusste er nicht, ob sein Auftreten von ihm verlangte über diesen unkorrekten Witz zu lachen, oder ob die restlichen Anwesenden dann die Ironie seiner Kleidung nicht mehr verstehen konnten und ihn sogar (fälschlicherweise) für einen echten Proleten aus den neunziger Jahren halten würden. Ergebnis dieses gedanklichen Exkurses war ein leises Hüsteln. Ein Kompromiss, mit dem niemand so recht zufrieden sein konnte. Auch die renommierte Referentin begann sich sichtlich unwohl zu fühlen und startete daher, in flottem Sextaner-Geplapper Wesen und Herkunft besagten Gleichnisses darzulegen. Bei diesem Vorgang benutzte sie, selbst für jemanden, der sich für eine Philosophin hält, absurd viele Fremdwörter, damit auch dem letzten Skeptiker im Raum klar wurde, dass ihr Ausflug ins Reich des schlüpfrigen Humors lediglich ein Akt der Solidarität mit der Unterschicht war, und kein Zeugnis mangelnder Bildung oder gar Unkultiviertheit. Das Publikum ließ sich durch diese Taktik einlullen und stellte so am Ende des Vortrags beglückt die üblichen Platon-Fragen: „War Platon ein Faschist?“, „War Platon pädophil?“, „Hat Platon nicht eigentlich alles bei Sokrates abgeschrieben?“ und „beweist diese Geschichte mit dem Schierlingsbecher nicht eigentlich, das unsere Demokratie sehr viel besser ist als die athenische?“ Hier vollzog sie ihr Glanzstück: indem sie die richtigen Fragen ausreichend glaubwürdig verneinte (eins bis drei) und die letzte artig bejahte, bereitete sie den engagierten und interessierten Bürgern, die sich hier versammelt hatten um ihren Intellekt zu schärfen genau das Gefühl der wohligen Selbstgenügsamkeit, auf das ich angewiesen war, um die Bombe platzen zu lassen, die ich für den heutigen Tag vorbereitet hatte.

Ich trat ans Rednerpult, legte eine Kunstpause ein, in der ich so tat, als würde ich meine penibel sortierten Papiere ordnen und nahm noch einen Schluck aus dem Wasserglas, um meine Stimme zu ölen, sodass ich sie im nächsten Moment wie den Blitz der Vernichtung in die Menge fahren lassen konnte: „ ‘Der außergewöhnliche Mensch und großartige Revolutionär, Kim Il Sung, der für unser Land selbstlos sein gesamtes Leben mit unerschütterlichem Mut kämpfte, wurde in einem kleinen bäuerlichen Dorf in den Bergen im Norden geboren.‘ Mit diesem Satz beginnt das kleine Büchlein ‚kurze Geschichte der revolutionären Tätigkeit des Genossen Kim Il Sung‘. Was Ihnen dieser Satz zeigen soll, ist, dass selbst ein solcher Orgasmus der menschlichen Rasse nicht im Stande ist den sprichwörtlichen Karren aus dem Dreck zu ziehen, wenn er einmal so gründlich hinein gesetzt wurde wie im Falle des postkolonialen Koreas. Sie werden sich an dieser Stelle Fragen, was das mit dem Thema der Philosophie der Liebe zu tun hat. Nun, angewandt auf das Sujet der erotischen Paarbeziehung kann man nun diese Aussage zu einem Theorem der Determination durch Kontingenz erweitern.“ Eine Frau jenseits der Wechseljahre, dafür aber in wallenden Gewändern erhob sich demonstrativ und verließ den Saal, wobei sie geräuschvoll ausatmete. Ihr Lungenvolumen war sogar noch beeindruckender als ihre Garderobe. Meine Augen folgten ihr, bevor ich mir noch einen Blick in die entsetzten Gesichter meiner Zuhörer gönnte. Dann fuhr ich fort: „Sie können, wenn sie so wollen, an dieser Stelle auf Machiavellis allgemein bekannte Philosophie des zufälligen Zusammentreffens von Fortuna, also Glück, und Virtu, also Tugend oder Fähigkeit, zurückgreifen. Entscheidend bleibt aber, dass das Konstrukt der erotischen Paarbeziehung wie gesagt aus der Begegnung zweier Personen besteht, die sich dazu entschließen diese Begegnung in einer festen Beziehung zu perpetuieren. Im Kontext der Machiavellistischen These zeigt sich also, dass das was wir als erotische Paarbeziehung das Ergebnis einer Reihe von kontingenten Ereignissen ist, einer Reihe von Ereignissen, die jedes für sich auch nicht hätten stattfinden können und in dieser speziellen Reihe eben sowenig.“

In der hintersten Reihe schnellte die Hand des Hipsters in die Luft. „Fragen bitte erst am Ende.“ Warf ich ihm entgegen und führte meinen Vortrag mit einem seichten Lächeln fort: „Kommen wir also zurück auf unseren Genossen Kim Il Sung: Denken wir diesen als den perfekten Liebhaber, also die kontingente und durchaus unwahrscheinliche Zusammenkunft von Fortuna und Virtu in einem Mann; damit es nun zu einer erotischen Paarbeziehung kommt müssen neben dieser Vorbedingung auch noch weitere Bedingungen erfüllt werden: Zum ersten muss es natürlich zu einer Begegnung mit einem möglichen Geschlechtspartner kommen, weiterhin muss dieser mögliche Partner aber so geartet sein, dass beide in der Lage sind ihre Begegnung zu einer Beziehung zu perpetuieren, ist auch dies der Fall, so werden weitere innere und äußere Bedingungen zu erfüllen sein um diese Beziehung aufrecht zu erhalten. Das heißt, selbst wenn eine Frau (wir gehen davon aus, das Kim Il Sung heterosexuell ist, was ja zugegebenermaßen auch wieder den Bedingungen der Kontingenz unterliegt) das Glück hat an ihn zu geraten und mit ihm eine Beziehung zu führen, sind beide nicht in der Lage die Beziehung als selbstregulatives und autopoetisches System zu erschaffen, dass sämtlichen Bedrohungen gewachsen ist und somit einen katastrophalen Zusammenbruch ausschließt, so wie es etwa mit Nordkorea passiert ist (Wir denken Nord Korea für den Moment als Frau).“

Die vorhin noch so philosophiebegeisterten Zivilisten wurden schon ganz blass um die Nase, ich wusste ich würde etwas unternehmen müssen, um sie wieder für mich zu gewinnen: „Es mag für sie nicht intuitiv sein, aber was ich soeben bewiesen habe ist das Paradigma der großen, schicksalhaften Liebe.“ Der Saal horchte auf, ein leichter Hoffnungsschimmer zeigte sich an ihren intellektuellen Horizonten: „Das heißt, obwohl die Bedingungen der erotischen Paarbeziehung sämtlich kontingent sind, also lediglich Ergebnisse von vorangegangenen ebenfalls kontigenten Ereignissen, die keinesfalls definierend auf die Ereignisse, die sie zeitigen wirken, ist die Faktizität einer erotischen Paarbeziehung kausal derartig überdeterminiert, dass ihr Entstehen, wie auch ihr Scheitern notwendig sind, da sie jeweils das Ende eines Zustandes bedeuten, dessen Auflösung Bedingung seines Bestehens ist, in der Weise, dass die in ihm stattfindenden Ereignisse nicht gänzlich durch ihn bestimmbar sind. Das schicksalhafte Zusammentreffen zweier Personen, sowie das tragische Scheitern ihrer Beziehung sind damit Ausdruck ein und derselben Notwendigkeit, in der sich das Schicksal als das weiße Rauschen der Kausalität entpuppt.“ Der Hoffnungsschimmer verwandelte sich in ein Fragezeichen. Ich setzte nach: „Veranschaulicht wird diese These in der Figur des Mathematikers im Sciencefiction-Roman ‚Dinopark‘ von Michael Chrichton, dessen Verfilmung unter dem Originaltitel „Jurassic Park“ für einiges Aufsehen gesorgt hat. Das Bemerkenswerte an diesem Mann ist, dass er, obwohl er sich mit der Chaostheorie beschäftigt, die die Möglichkeit klarer Prognosen abstreitet, als einziger von Anfang an die feste Überzeugung vertritt, dass das Projekt des Parks notwendig scheitern wird. Er ist überzeugt, dass diese Prognose stimmt, gerade weil er überzeugt ist, dass klare Prognosen nicht möglich sind. Hier greift die These vom weißen Rauschen der Kausalität: die Überdetermination der einzelnen Faktoren des Systems führen dazu, dass das System mit schicksalhafter Notwendigkeit zugrunde geht weil nicht alle Faktoren, die zu seiner Aufrechterhaltung notwendig wären, kontrollierbar sind. Und wenn man darüber nachdenkt, dann ist der Vergleich vom Dino Park mit einer erotischen Paarbeziehung ja auch gar nicht so weit hergeholt, denn, einige von Ihnen kennen das sicher, in einem Moment kann man noch denken, man hätte einen perfekten Vergnügungspark geschaffen, und schon im nächsten Moment muss man sich in der Küche vor einem Velociraptor verstecken. Sehr verehrte Damen und Herren, ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.“

Nicht wenige lachten über meinen gelungenen Streich. Der Saal belohnte meine geistigen Anstrengungen mit Standing Ovations. Der Applaus schwoll zu einem infernalischen Gerappel an, die Gäste hatten ihre Köpfe mit leuchtenden Augen in den Nacken gelegt und ihre Münder standen halb offen vor feuriger Dankbarkeit. Einen Moment sah es so aus, als hätte meine Weisheit ihnen alle geistige Kapazitäten geraubt, sodass sie fortan als geistig Behinderte über die Kruste unseres Planeten zu schlurfen hatten. Viele Menschen, einige davon waren anwesend, vertreten die These, dass man einen Vortrag mit einem Witz beginnen sollte, um die Menschen auf deine Seite zu ziehen. Ich habe gelernt, dass es klüger ist den Vortrag mit einem Witz zu beenden um etwaige Kritiker versöhnlich zu stimmen. Leider klappte das auch nicht immer hundertprozentig. Die Hand des Hipsters schoss erneut in die Höhe, da er der Einzige war, der noch motiviert war einen Diskurs zu führen, musste ich ihn drannehmen: „Ja hey, ich will dir ja nicht zu nahe treten, aber überleg‘ mal was das für eine traurige Ansicht ist, so. Du kannst doch nicht ernsthaft glauben, dass man Liebe so einfach berechnen kann. In so einer Beziehung steckt ja auch immer so sehr viel Persönliches, und menschliche Emotionen kann man ja erst recht nicht berechnen, so da müsste man ja die Menschlichkeit ganz leugnen. Und Beziehungen sind ja auch individuell, so halt zwischen zwei Menschen. Ja.“

Als ich fertig war so zu tun, als würde ich mir seinen Einwand notieren, indem ich in Wirklichkeit nur einige Bäuche der Ds, Bs und Ps auf meinem Vortragstext ausgemalt hatte, nahm ich einen Weiteren Schluck aus meinem Wasserglas und hob an diesen Angriff zu parieren: „Vielen Dank für diese Frage, obwohl sie ja eher eine Feststellung war, ich werde trotzdem versuchen darauf zu antworten.“ Der Hipster zuckte gönnerhaft mit den Schultern, ich fuhr fort: „Zunächst die Frage nach der Berechenbarkeit der Liebe: Da haben sie mich schlicht und ergreifend falsch verstanden, denn meine These war gerade, dass sich die Liebe nicht berechnen lässt, da zu viele kausale Faktoren auf sie einwirken, um sie in ihrer, für eine Berechnung notwendigen, Vollständigkeit erfassen zu können. Es war in diesem Vortrag nicht meine Absicht den bürgerlichen Individualismus anzugreifen, obwohl das sicherlich eine Konsequenz aus dem Gesagten wäre, mein Ziel war es der personalisierenden Mystifikation der menschlichen Emotionalität ein entsprechendes Phänomen in der Welt gegenüber zu stellen, und so zu einem tieferen Verständnis beizutragen.“ Der Hipster bekam empörte Schnappatmung – er sah aus, als würde ihm tierisch der Kamm schwellen – und fuchtelte mit der rechten Hand in der Luft herum, doch der Moderator hatte das Panel bereits beendet und das plötzlich befreite Bürgertum stolzierte kopfschüttelnd aus dem Saal.

Ich klemmte meine Papiere unter meinen Arm, schnappte mir meine Jacke und verließ den Raum, bevor mich der Hipster zum intellektuellen Einzelkampf herausfordern konnte; nicht weil ich Angst davor hatte, dass ich seinen Fragen nicht gewachsen war, sondern weil ich befürchtete nach einer Diskussion mit ihm den letzten Rest meines Glaubens an die Lebensnotwendigkeit der Intelligenz für den Menschen zu verlieren. Im Flur konnte ich stattdessen nur mit knapper Not einen Zusammenstoß mit Johanna verhindern. „Hey!“ sagte sie mit der liebenswürdigen Unbedarftheit, die dicke, schwitzende Versicherungs-Sachbearbeiter an minderjährigen Gymnasiastinnen erotisch finden. „Ich fand deinen Vortrag sehr interessant, obwohl ich gestehen muss, dass ich nicht alles verstanden habe.“ Diese Ehrlichkeit entwaffnete mich, sodass ich mich gezwungen sah, sie zum Mittagessen einzuladen. Wobei ich, um meinerseits ehrlich zu sein auch nicht ausschließen kann, dass es ihr Dekolleté oder gar ihr „Hey!“ war, das mich dazu verleitete; obwohl, hatte ich nicht gerade selbst die These aufgestellt, dass die erotische Paarbeziehung kausal überdeterminiert ist?

Besagtes Mittagessen entwickelte sich jedenfalls zu einer äußerst vergnüglichen Angelegenheit: Zunächst einmal musste ich die Organisatoren davon überzeugen mir eine Mensa-Karte auszuhändigen, dann versuchte ich den dafür vorgesehenen Automaten davon zu überzeugen seinem Job nachzukommen die Karte mit dem nötigen Betrag aufzufüllen und schließlich musste ich der dicken Kassenfrau erklären, warum sie mir das Geld wieder von der Karte abbuchen konnte, obwohl ich gar kein Mitglied der Universität war. Als ich dann endlich geschafft hatte mir mein Mittagessen auszusuchen (asiatische Reispfanne mit Hähnchenbruststreifen) und zu bezahlen, war ich in einer solchen Hochstimmung, dass ich den Rest meines Guthabens für zwei kleine Flaschen Sekt im Studentencafé auf den Kopf und dann mit den Korken knallte. Johanna ließ sich nicht nur von meiner guten Laune anstecken, sondern auch von mir auf ein alkoholisches Getränk einladen, obwohl die Magische Vier noch in bedrohlicher Ferne des Stundenzeigers lag. So saßen wir auf der Terrasse des Mensa-Gebäudes, genossen die Sonne der ausgehenden Semesterferien und berichteten uns von den Flausen, die so in unseren Köpfen ihre Späße trieben.

Johanna goss den letzten Schluck Sekt in ihr perlendes Lächeln und schlug einige ernsthafte Töne an: „Ich leide ja schon ein bisschen darunter, dass mich keiner ernst nimmt, so als Philosophin meine ich.“ Ich schüttelte meinen Kopf und den Rest Alkohol in denselben, sie fuhr fort, ohne mein Unwillen angesichts dieses schweren Themas an so einem leichten Nachmittag mit Beachtung zu würdigen: „Ich meine hey, ich bin noch nicht einmal dreißig und habe schon drei Bücher geschrieben, die auch alle nicht doof sind. Und die anderen meinen immer noch ich sei das kleine Mädchen vom Dienst?! Ich meine Hallo! Wo waren die denn mit Ende Zwanzig? Die Hälfte von denen hatte noch nicht einmal den Magister fertig, geschweige denn den Doktor! Und ich habe schon drei verfickte Bücher geschrieben, ich meine come on, was soll ich denn noch alles machen? Nur weil ich ne Frau bin!“ Ich hatte meinen Kopf in den Nacken gelegt und ließ mir die Sonne auf die geschlossenen Augenlider fallen: „Ich weiß nicht.“ „Was?“ „Ich weiß auch nicht, was du noch alles machen sollst.“ „Ja, hm, sorry ich wollte dich da jetzt nicht so mit überrollen.“ Ich zuckte mit den Schultern, soweit es meine äußerst entspannte Körperhaltung erlaubte. „Und die Bücher sind echt gut“ sagte sie mehr zu sich, als zu mir oder irgendjemand anderem. „Ich weiß nicht.“ Antwortete ich erneut. „Was?“ Dieses Mal klang die Panik leise in den Übertönen. „Ich weiß nicht ob deine Bücher gut sind, ich habe sie nicht gelesen.“ „Ja, aber du kannst mir ja vertrauen, dass sie gut sind“ Es dauerte nur eine Sekunde, in der Ihre Hand meinen Oberarm hinunter glitt. In meinem Kopf hörte ich die Stimme des Freundes, der sich eigentlich zur Philosophie der Liebe hätte äußern sollen; er wäre auch viel besser dazu geeignet gewesen, denn er sagte ständig intelligente Dinge wie: „Wenn eine Frau dir sagt, du könntest ihr vertrauen, dann lass es bloß bleiben!“ Das Gesicht meines Freundes verwandelte sich in einen Velociraptor, der mit klickender Sichelkralle die Küche eines Vergnügungspark-Besucherzentrums nach Menschenfleisch absuchte. Mein Gehirn fand schließlich Menschenfleisch in Form einer Szene aus der Porno-Version besagten Sciencefiction-Klassikers von Steven Spielberg. Wie kam ich nochmal auf Steven Spielberg?

Ich öffnete meine Augen und sah sehr lange in die von Johanna Schneider-Bartheels. Endlose Momente in denen ich beschloss nicht nur alle ihre Bücher, sondern noch alle Artikel in egal welchen Magazinen oder sogar im Internet zu lesen, denn wenn sie das sagte, dann mussten die sehr gut sein. Wahrscheinlich waren sie sogar brillant und Johanna war nur zu bescheiden um es zuzugeben. Doch der völlige Seelenfrieden, den mir diese plötzliche Erkenntnis verschafft hatte, währte nur kurz. Erbarmungslos stach eine allzu bekannte Stimme aus meinem toten Winkel in unsere traute Zweisamkeit, wie die Sozialdemokratie ihrer Zeit in den Rücken der kaiserlichen deutschen Wehrmacht: „Also ich fand deine Bücher voll gut und so. Vor allem wie du das Leben von Hannah Arendt beschrieben hast, so mit so voll viel Empathie und so, ganz großes Tennis!“ Der Hipster hatte sich eine quietsch-gelbe Ballonseidenjacke über sein Unterhemd gezogen und trug zu allem Überfluss auch noch eine Baseballkappe der New-York-Yankees. Immerhin kein Individualist, dachte ich im Stillen. Im Schlepptau hatte er den Anarchisten, der immer ohne Gummi bumste, für die Weltrevolution. Obwohl, dürfen Anarchisten überhaupt irgendwas für die Weltrevolution machen, oder ist das schon zu autoritär? Der Hipster jedenfalls zog zwei rote Dosen 5,0 Export aus seinem Jute-Beutel, gab eine dem Anarchisten und behielt eine für sich. Mit einem lauten Zischen riss er die Lasche auf, sein neuer Freund tat dasselbe. Sie stießen an, ohne dass die Dosen ein nennenswertes Geräusch gemacht hätten, was das Unterfangen dann doch recht albern wirken ließ und nahmen beide einen kräftigen Schluck. Der Anarchist rülpste daraufhin befriedigt und strahlte in die Runde wie ein antiautoritäres Honigkuchenpferd. „Ja hey, aber deinen Vortrag von vorhin ne, den musst du mir echt nochmal erklären…“, wandte sich der Hipster ohne Vorwarnung an mich. Obwohl mir der Schampus direkt in die Birne gegangen war, beschloss ich, dass ich dazu noch nicht genug gesoffen hatte um bei ihm die Lampen anzuknipsen: „Boah, nee, dazu hab ich echt noch nicht genug gesoffen.“ Der Hipster zuckte mit den Schultern und kramte vier Fläschchen Jagdschloss-Magenbitter aus seinem Beutel. Der Anarchist ließ sich nicht zweimal bitten und hatte seine bereits leer, bevor ich überhaupt realisiert hatte, was hier gespielt wurde. Johanna linste mich keck von der Seite an, sodass mir altem Fuchs direkt klar war, dass ich wohl oder übel mittrinken musste, wenn ich nicht als der alte Spießer durchgehen wollte, vor dem mich meine Eltern immer gewarnt hatten.

Ich ließ mich mitreißen von diesem Teufelskreis aus Alkohol und Philosophie und ertappte mich bei der Neugier, was dieser komisch angezogene junge Mann wohl noch alles aus seinem Zauberbeutel ziehen konnte. Weiße Kaninchen? Schwarze Schwäne? Den Sinn des Lebens? Vorerst waren es nur vier weitere Jagdschloss-Magenbitter. So verging der Nachmittag in einem Malstrom aus Alte-Leute-Schnaps, der irgendwie nach gammeligem Lebkuchen und Fußpilz schmeckte. „Ja aber jetzt musst du mir das wirklich mal erklären ey, dass ist doch voll deprimierend, wenn du die große Liebe so berechnest.“ Der Hipster klatschte mir seine Flosse auf die Schulter. Ich versuchte ihn zu fixieren, beschloss aber dass das keine gute Idee war. Nicht weil ich etwa so betrunken war, dass ich das nicht mehr hingekriegt hätte, nein er sah einfach nicht besonders gut aus. „Das ist aber auch nur deprimierend, wenn man ne Null in Mathe ist.“ Johanna gluckste leicht auf, was mir wiederum Rückenwind gab: „Nein meine These ist ganz einfach, dass das Zusammenkommen von zwei Menschen derartig überdeterminiert ist, dass man die Gründe, die im Endeffekt dazu führen, dass zwei Menschen eine Paarbeziehung eingehen, oder auch nur die Nacht miteinander verbringen, niemals erschöpfend dargestellt werden können, und es daher nicht kausal erscheint, sondern als Schicksal.“ „Also meinst du den Butterfly-Effekt?“ „Nein!“ der Hipster guckte verdutzt, Johanna war empört: „Was? Ich geh doch nicht einfach so mit jemandem ins Bett, wenn ich das mache, dann kenne ich die Gründe dafür schon ganz genau! Ich penne doch nicht mit jedem!“ „Das finde ich voll reaktionär von dir!“ Mischte sich nun auch der Anarchist ein: „Wollt ihr ein bisschen Meskalin nehmen?“

Weil keiner von uns den Mut hatte dies zu verneinen, folgten wir ihm zu seinem Hotelzimmer. Zum Glück kamen wir unterwegs noch an einem Kiosk vorbei, wo ich kostengünstig eine Flasche Johnny Walker erstehen konnte und außerdem mir und Johanna noch ein Cornetto Nuss kaufte. Der Hipster versorgte sich und den Anarchisten mit weiteren Bierdosen und Jagdschloss-Magenbitter. Sein Hotelzimmer war ein Armageddon: obwohl er wahrscheinlich noch keine Nacht in dem Bett geschlafen hatte, war es bereits völlig durchwühlt. Die Laken hatte er abgezogen und vor die Fenster gehängt, sodass das Tageslicht einen geradezu mystischen gelben Schimmer bekam. Im Halbdunkel studierte ich diese Kathedrale der Unordnung: Seinen Koffer, der offensichtlich nur dreckige Wäsche enthalten hatte, war in einer Ecke ausgeleert. Die nackte Matratze war von Flecken unterschiedlicher Form und Farbe übersät, aber da er standesgemäß in einem sehr schlechten Hotel hauste, mochte das nicht sein Verschulden sein. Das ganze Zimmer roch ein wenig nach Ziegenstall. Auf dem Fußboden lagen einige ausgetretene Kippen herum und es stapelten sich plattgedrückte Bierdosen. Offensichtlich fand er Dosenpfand auch reaktionär.

Mit einem überlegenen Lächeln wühlte er ein Plastiktütchen aus dem Haufen seiner Klamotten, das eine Hand voll kleiner brauner Kügelchen enthielt. Ohne, dass er es geöffnet hätte konnte man feststellen, das die Kügelchen der Ursprung des Gestanks waren. „Muss das so riechen?“ fragte ich, als ich die Scham überwunden hatte, noch nie Meskalin ausprobiert zu haben. Der Anarchist lächelte: „Gut, dass du fragst: Die meisten strecken ihr Meskalin mit Mehl oder mit Rohrzucker, das verringert aber nicht die Übelkeit nach dem Einnehmen. Ich dagegen strecke meinen Stoff mit Ziegendung, das macht ihn um einiges verträglicher.“ Neben mir würgte Johanna leise. „Du meinst wir sollen Ziegenscheiße fressen?“ hakte ich vorsichtig nach, ich war mir nicht sicher, ob ich irgendwas falsch verstanden hatte, denn schließlich war ich ja ein Neuling auf dem Gebiet der halluzinogenen Drogen. Doch ich hatte mich nicht geirrt: „Nur wer Scheiße gefressen hat weiß wie es ist die Ketten der Unterdrückung zu tragen!“, so seine voll tönende Antwort. Offensichtlich war Revolution ihm nicht zu reaktionär. Ich hatte also bloß verdrängt, dass Drogen zu seinem Programm zählten. Er machte den Anfang und schluckte eine der Kugeln. Der Hipster zog nach und goss gleich einen Jagdschloss hinterher. Ich wollte auch kein Spielverderber sein: Das Kügelchen schmeckte dann doch gar nicht so unglaublich grauenhaft wie ich dachte. Besser als Jagdschloss-Magenbitter. Johanna war nun die letzte ohne Kugel. Wir blickten sie wortlos an, um Gruppenzwang aufzubauen. Schließlich klappte es und sie schluckte eine. Sie schüttelte sich am ganzen Körper. Ich drückte ihr das Eis in die Hand. Dankbar riss sie das Papier weg und begann daran zu lecken. Ich packte meins nun ebenfalls aus, klemmte mir den Whisky unter den Arm und begann im Zimmer hin und her zu wandern. Der Anarchist hatte sich derweil auf seiner fleckigen Matratze ausgestreckt und die Arme hinter dem Kopf verschränkt. Der Hipster hatte sich einfach auf den Boden gesetzt und ein weiteres Bier geöffnet.

Hinter der einzigen Tür im Zimmer, abgesehen natürlich von der Eingangstür, fand ich ein kleines Badezimmer. Es war der einzige Ort, der noch nicht vollständig in Chaos gestürzt war: „Ey Cool, du hast ja ein Badezimmer!“, rief Johanna begeistert. „Hab ich das? Ist mir gar nicht aufgefallen“, antwortete unser Gastgeber, ohne seine Haltung im mindesten zu verändern. Er hatte die Augen geschlossen und schien nun in sich hinein zu lauschen, vielleicht auf die Klänge der Weltrevolution. Ich zog Johanna hinter mir her in den kleinen Raum, wir setzen uns auf den Fliesenboden und aßen friedlich unser Cornetto. Irgendwann machte ich den Schnaps auf und wir tranken abwechselnd kleine Schlücke. Bei Johanna tat die Droge zuerst ihre Wirkung: entgegen der Prognose, man müsse wegen des Ziegendungs nicht kotzen (naja, hätte man sich auch denken können) erbrach sie sich in vollem Schwall in die Klomuschel. Ich konnte gerade noch rechtzeitig ihre Haare fassen, um sie aus der Schusslinie zu halten. Durch die Tür sah ich, wie der Hipster sich in den Papierkorb übergab. Der Anarchist nahm davon keinerlei Notiz. Als Johanna schließlich fertig war, ging es bei mir auch los und das Cornetto, der Schnaps und die Asia-Reispfanne inklusive Hänchenbruststreifen landeten in der Toilette. Der Herr gibt es, der Herr nimmt es.

Was ist das denn für eine bekloppte Scheiße?“, blaffte ich den Anarchisten an, der aber immer noch in seinem Paralleluniversum schwebte. Bis auf den Brechreiz zeitigen die Drogen übrigens keinerlei Wirkung. Johanna kam mir nachgeeilt und drückte mir den Johnny Walker in die Hand. Ich nahm einen tiefen Schluck um wenigsten ein bisschen Rausch abzubekommen. Der Hipster schüttelte nur immer wieder seinen Kopf. „Wollt ihr mal was Krasses sehen?“ fragte der Anarchist nun von seinem Lager aus, ohne ein einziges Zeichen, dass er meine Enttäuschung über seine Substanz zur Kenntnis genommen hatte. Ich zuckte mit den Schultern und hoffte, dass es nicht noch mehr Tierexkremente waren. Ich wurde nicht enttäuscht: Aus seinem Wäschehaufen zog er eine silber glänzende Handfeuerwaffe. „Das ist eine neun Millimeter Glock, Halbautomatik, Hohlspitzgeschosse“ Er zog den Bügel nach hinten und beförderte eine Patrone in den Lauf. Dann grinste er in die Runde. „Boah, krass, was willst du denn damit, Alter?“, der Hipster klammerte sich am Saum der Matratze fest und starrte die Pistole an. „Ein Zeichen setzen!“ „Was denn für ein Zeichen?“, ich muss sagen, einstweilen hatte er meine Neugierde geweckt. „Heute Nacht bringe ich dieses scheiß Walross-Baby um!“ „Aber wieso willst du denn dieses arme Tier ermorden, das hat doch niemandem etwas getan?“, der Hipster duckte sich hinter dem Bett und sah nur knapp über den Rand zu unserem Gastgeber hin. „Die bourgeoise Wohlstandsgesellschaft muss endlich aufwachen aus ihrem Dornröschenschlaf der Selbstgerechtigkeit!“ Der Anarchist verfiel wieder in predigenden Ton. „Und du meinst, das passiert, wenn du ein Walross-Baby erschießt?“ Nun begann er mir zu predigen: „Die Herrschenden auf der ganzen Welt wiegen sich in Sicherheit, nur wenn man ihnen die Idole nimmt, mit denen sie das Volk an der kurzen Laufkette halten, werden sie gestürzt werden! Das Walross-Baby verkörpert den Fetisch für die heile Welt, deren Illusion in den reichen Industriestaaten aufrecht erhalten wird, aber in Afrika, da verhungern die Menschen!“ Er legte die Waffe auf den Nachttisch und erhob sich. Mit erhobenem Zeigefinger sprach er weiter: „Wenn erst all die putzigen kleinen Tiere aus ihren Unterdrücker-Zoos verschwunden sind, oder besser noch eines gewaltsamen Todes gestorben sind, wenn ihre Idole brennen…“ „Aber das arme Walross-Baby…“ Der Hipster war in eine Ecke zurückgewichen. „Wenn die Halle ihrer Lügen einstürzt!“

Johanna, die erstaunlicherweise nichts zum heimtückischen Mordplan an jedermanns Liebling gesagt hatte, ergriff plötzlich meinen Arm und flüsterte in mein Ohr: „Lass uns abhauen!“ Dankbar folgte ich ihr. „Wenn Helene Fischer vergewaltigt wird…“ krähte uns die Stimme auf den Hotelflur nach. „Jetzt geht er aber ein bisschen zu weit!“ kommentierte ich, nahm einen weiteren Schluck aus der Whisky-Flasche und hielt sie meiner Begleiterin hin. Diese trank ebenfalls und meinte: „Das Konzept Tyrannen-Mord versteh ich noch, aber Walross-Baby-Mord? Wo soll das nur hinführen?“ „Naja, du hast ihn ja gehört, und er machte nicht den Eindruck, als würde er sich aufhalten lassen.“ Johanna zwinkerte mir zu und zog die Pistole hervor. Ich musste zugeben, das würde ihm einige Schwierigkeiten bei der Umsetzung seines Plans bereiten. „Was machen wir jetzt?“ fragte ich. „Wie viel Schnaps haben wir den noch?“ fragte sie zurück. „Halbe Flasche.“ „Willst du mit zu mir kommen?“ „Uh-huh“, pfiff ich: „Die Nacht mit einer scharfen Frau, einer heißen Waffe und einer halben Flasche Whisky verbringen, welch verlockender Gedanke…“

Zugegebenermaßen war die Flasche nicht mehr ganz halbvoll, als wir endlich ihr Hotelzimmer erreichten. Vielleicht war das auch der Grund, warum ich plötzlich von der einzigen, großartigen und wahren Erkenntnis getroffen wurde. Mir wurde immer klarer, worauf der Abend hinaus lief, aber eigentlich war das ja schon seit dem Mittagessen klar gewesen, oder vielleicht schon seit ihrem „Hey“. In ihren Augen sah ich, dass sie es auch fühlte. Ich durchwühlte meine Hosentaschen auf der Suche nach Gegenständen, die ich benutzen konnte um diese zunächst nur theoretische Erkenntnis in die Praxis umzusetzen. Ich fand nur das Silberpapier, in das mein Eis eingeschlagen gewesen war. Hastig riss ich einen Streifen davon herunter, faltete ihn zu etwas, das einem Ring ähnlich sah und ging vor meiner Begleiterin auf die Knie: „Johanna Schneider-Bartheels, ich habe nicht nur heute, sondern auch in meiner Dissertation die These vertreten, das überall auf der Welt zu jedem Zeitpunkt egal was egal aus welchem Grund passieren kann. Ich von dieser These aus zu der unumstößlichen Wahrheit gelangt, dass es das Schicksal gibt, da es so unglaublich viele Gründe auf der Welt gibt, dass es unmöglich ist sie alle nachzuvollziehen und man folglich bei allen Konstellationen die möglich sind, davon ausgehen kann, das die eine, die aktiv wird, also eintritt, die einzig notwendige ist, also Schicksal! Johanna Schneider-Bartheels, heute habe ich erkannt, dass du mein Schicksal bist, bitte heirate mich!“ Sie lachte, tat sich den Ring um den Finger und zog mich auf die Beine. Ich wollte sie küssen, doch sie hielt mir ihren ausgestreckten Zeigefinger auf die Lippen: „Deine These ist also, dass Dinge nur passieren können, wenn sie mindestens einen Grund haben?“ Ich nickte und fühlte, wie sich meine leicht geschürzten Lippen an ihrem Finger bewegten. Sie griff neben sich, lud die Pistole durch und drückte sie mir an die Stirn. Über dem Ansatz meiner Nase fühlte ich wie der kalte Stahl sich in meine Gesichtshaut fraß: „Ich könnte dich jetzt einfach töten, und dabei habe ich gar keinen Grund dazu. Deine These ist also widerlegt.“ „Du kannst mich nicht töten“ antwortete ich so ruhig, wie es eben ging, wenn man das falsche Ende einer entsicherten Schusswaffe ein paar Millimeter vom Gehirn entfernt spürt. „Doch ich drücke einfach ab.“ Gab sie, fast etwas trotzig zurück. „Ja, aber du hast ja keinen Grund. Der einzige Grund, aus dem du mich töten könntest, wäre um mir zu beweisen, dass meine These, dass alles was passiert einen Grund braucht um zu passieren zu widerlegen, aber da du damit einen Grund hättest mich zu töten, wäre deine Beweisführung gescheitert, und du hättest wiederum keinen Grund mehr mich tatsächlich zu töten, also wäre der Grund hinfällig, du siehst also, dass ein Mord an mir notwendigerweise ein Paradoxon wäre, das es als solches nicht geben kann.“ Sie gab einen leichten Seufzer von sich, warf die Waffe ohne weiteres Federlesen durch das geschlossene Fenster und sank in meine geöffneten Arme und an meinen von der Wahrheit besudelten Mund. Auf die Straße fiel ein Sternenschauer aus gesplittertem Fensterglas, aus der am Boden aufprallenden Waffe löste sich ein Schuss und traf einen unbeteiligten Passanten. Da kein Schütze ausgemacht werden konnte wurde er einem zufällig vorbeikommenden Polizisten angelastet. Die daraufhin ausbrechenden empörten Aufstände fegten das alte Regime hinweg und läuteten so den Weg zu einem echten Kommunismus ein. Vielleicht traf der Schuss aber auch den Polizisten und wurde dem Passanten angelastet. Dies wiederum führte dazu, dass die deutschen Straßen zum Kriegsgebiet erklärt wurden. Hardliner vom rechten Rand übernahmen das Ruder, Horst Seehofer wurde zum kommissarischen Bundesoberhäuptling ernannt und rief das vierte Reich aus, Taz-Leser wurden reihenweise in Bierzelten eingesperrt und zum Schunkeln gezwungen und auch sonst wurde es sehr, sehr düster zwischen Alpenrand und Nordsee. Vielleicht traf der Schuss aber auch nur einen kleinen Schmetterling, bevor dieser ein weiteres Mal mit den Flügeln schlagen konnte und verhinderte so einen schrecklichen Hurrikan in Süd-Ost-Asien.

Eine Antwort zu “Das Symposion der einsamen Herzen

  1. Sehr schöne Geschichte, gut konstruiert, schön hochtrabende Pseudophilisophie (mag auch an meinem mangelhaften Niveau liegen …).

    Die Sory hat mir sehr gefallen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.