„Deutschland von der Karte streichen, Polen soll bis Frankreich reichen!“

1989 verkündete der bekanntermaßen am wenigsten blöde Bundeskanzler der BRD: „Nun muss zusammenwachsen, was zusammen gehört“, und meinte damit weder seine Augenbrauen, noch seine Zehen. 25 Jahre nachdem die staatliche Syndaktylie von DDR und BRD auf dem Papier Wirklichkeit geworden ist stellen wir uns also heute die Frage: „Ist zusammengewachsen, was zusammen gehört?“

„Nazi-Communist-Germany“

Eine besonders charmante Begegnung mit dieser Frage hatte ich, als ich 2008 auf einer Reise durch die USA mitten in der Wüste Nevadas von einem Highway-Polizisten – aus nicht näher erläuterten Gründen – angehalten wurde. Nachdem ich diesem, auf seine Frage hin geantwortet hatte, dass ich „from Germany“ sei, fragte er weiter: „From Nazi- or from Communist-Germany?“ Ich versuchte den Wissenshunger des aufrechten Ordnungshüters so weit es in meiner Macht lag zu stillen und begann ihm zu erklären, dass „we“ nun „reuinited“ wären; die Augen des Schutzmannes begannen zu leuchten und er murmelte noch „Nazi-Communist Germany…“, bevor er mir ein herzhaftes „God bless you!“ entgegen warf und weiter den Weg der Rechtschaffenheit in Form eines Wüsten-Highways befuhr. Für Vertreter der berüchtigten Extremismus-“Theorie“1 (die Ansicht, dass links sein praktisch rechts sein bedeutet und beides irgendwie blöd ist), wäre die Frage an dieser Stelle wohl geklärt. Zugegebenermaßen zählt es nicht gerade zum Selbstverständnis der BRD die Fackel des dritten Reichs weiter zu tragen, und dementsprechend verschnupft reagierten ihre Vertreter, wenn man sie auf personelle Kontinuität dieser beiden Staaten hinwies. Wie dem auch sei, die schleichende Entnazifizierung der Zeit wird wohl nun dafür gesorgt haben, dass keine Alt-Nazis mehr in offiziellen Positionen sind, und in einigen Jahren wohl auch dafür, dass sie keine Renten mehr von der BRD beziehen. Entgegen dieser Kritik stellte sich die BRD doch immer gerne als das bessere der beiden Deutschlands dar, besonders heute, wo klar ist, dass die ‚Wiedervereinigung‘ mehr eine feindliche Annektion war. Aber ‚Wiedervereinigung‘ hört sich schon schmissiger an, zumal ‚Besatzung‘ – besonders von Ostgebieten – dann doch irgendwie nach etwas klingt, was man hinter sich lassen wollte.

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Endlich auch im Osten: Die Spreewaldgurke.

Doch greifen wir nicht vor, beginnen wir systematisch (der Philosoph Teddy Adorno sagte ja auch, dass das System der Bauch jeder Theorie sei) und fragen uns, was die Frage „ist zusammengewachsen was zusammen gehört?“ denn genau fragt: setzten wir das kantische Skalpell der analytischen Vernunft an, so sezieren wir drei unterschiedliche Bedeutungsebenen. Wir finden (a) die Unterstellung einer entstandenen Einheit zweier zuvor getrennter Elemente, (b) die Unterstellung, dass diese beiden Elemente zusammen gehören, will sagen, ihre Einheit normativ wünschenswert oder begrifflich notwendig ist und (c), dass der Prozess der Zusammenführung organisch von statten gegangen ist.

Die harten Fakten, die zur Beantwortung dieser Frage heran gezogen werden können sind indes schnell dargelegt. Wirtschaftlich und rechtlich bildet Deutschland eine Einheit, in der sich die 40 Jahre Trennung lediglich in lokalen Unterschieden der Bezahlung und Verrentung niederschlagen, welche selbst eher als Effekt der Art und Weise, in welcher sich die Einheit vollzog zu sehen sind, denn als Ergebnis der Trennung (irgendwie müssen diese Ossis doch merken, dass sie 40 Jahre auf dem falschen Weg waren…). Die Tatsache, dass sowohl die deutsche Bundeskanzlerin als auch der Bundespräsident aus der ehemaligen DDR stammen, die Ideologie der BRD von Marktfreiheit und internationaler Wettbewerbsfähigkeit bedingungslos vertreten, zeigt, dass sich die Blockflöten von damals auch in das westliche Orchester einzufügen vermögen. Auf einem anderen Blatt steht dann auch die Frage, ob die Einheit organisch von statten gegangen ist, ob da etwas zusammen gewachsen ist? Dies lässt sich ohne Umschweife verneinen. Binnen weniger Monate wurde der Staatsapparat der DDR liquidiert, anstatt eine gemeinsame Verfassung zu bilden wurde das westdeutsche Grundgesetz dem Osten aufoktroyiert. Dieser politischen Übernahme folgte dann der beispiellose Raubzug zugunsten des westlichen Großkapitals, den die Treuhand durch die Wirtschaft des Ostens zog, und Brachland hinterließ.2 Organisch war da nichts.

Dichter und Denker vs. Richter und Henker?

Zu fragen bleibt also, was der Bundeskanzler a.D. Willy Brandt voraus zu setzten schien: gehört Deutschland zusammen? Bereits 1949 bemerkte Thomas Mann in seinem Essay „Goethe und die Demokratie“, dass es zwei Formen des Deutschseins gäbe: die eine, die düstere, die sich mit Macht der Welt aufzwingen will, jenes „am deutschen Wesen soll die Welt genesen“, und dann ein zweites, nachdenklicheres Deutschsein, dass im Deutschen immer schon das europäische3 und das universelle sucht; einen Menschenschlag, den Hölderlin liebevoll als „Gedankenreich und Tatenarm“ beschrieb. Gibt es also ein Deutschland der Dichter und Denker und eins der Richter und Henker? Wir stellen uns gerne vor, die BRD sei ersteres; in den schönen Sonntagsreden von Angela Merkel und Wolfgang Schäuble klingt das Europäische, das Universelle sogar noch, wenn sie etwa den Griechen das Rechnen beibringen wollen. Doch seien wir ehrlich, Gedankenreich und Tatenarm war in der BRD lediglich, wir erwähnten es bereits, die Entnazifizierung.

Die stolzen Patrioten der BRD – seien es die Proto-Faschisten der PEGIDA, der AfD und des rechten Rands der CDU oder die verkappten Liberalen, die mit Habermas „Verfassungspatrioten“ sein wollen – werden an dieser Stelle behaupten, dass, wenn die BRD schon kein Land der Dichter und Denker ist, dann doch wenigstens auch kein Land der Richter und Henker, das war ja wohl die DDR. Ja, werden jetzt die Ostalgiker4 sagen, aber dafür war die DDR auch ein Land der Dichter und Denker: nehmen Sie etwa Heiner Müller oder Christa Wolf! Nun, antworten da die patriotischen Westdeutschen, wir hatten Günter Grass und Theodor Adorno! Ja, werden da die Ostalgiker zurück geben, aber was ist mit den ungeklärten Morden in euren Gefängnissen?5 Was mit den Opfern eurer Polizei?6 Was mit eurer Verstrickung in faschistische Militärdiktaturen in Spanien, Griechenland, Portugal, Chile, usw. usf.? Halten wir also fest, dass, wenn die DDR auch das schlechtere Deutschland gewesen ist, die BRD nicht das bessere Deutschland war. In diesem Sinne kann man wohl tatsächlich davon sprechen, dass da was zusammen gehört (Nazi-Kommunismus und so… wenn Hannah Arendt das noch erlebt hätte).

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Zum Verfassungspatrioten in einer Woche? Die Wunde empfiehlt: Morgens einen §GG zum Kaffee!

Doch kommen wir zurück zu Thomas Mann: ist, wie bereits festgestellt, die Spaltung Deutschlands längst keine politische mehr, so bleibt noch nach der ideellen Spaltung zu fragen. Eine Spaltung vielleicht, die bereits vor der politischen Spaltung in Ost und West existierte und auch nicht entlang ihrer Grenze verlief. Eine Spaltung, die umso wichtiger wird, je mehr sich der deutsche Patriotismus auf das Diktum der Nation der Dichter und Denker zurückzieht. Die Spaltung zwischen den stolzen Deutschen und den anderen Deutschen. Sprechen wir zunächst vom stolzen Deutschen: der stolze Deutsche, der in den mannigfaltigen Äußerungen des Geistes nichts anderes sieht als die Manifestation einer herbei geträumten ‚deutschen Größe‘, dem ein Gedicht von Goethe dasselbe gilt wie die ‚Phänomenologie des Geistes‘ von Hegel, und beides von einer lieblichen Landschaft im Schwarzwald, dem deutschen Fußball-WM-Titel 2014 und der sprichwörtlichen deutschen Pünktlichkeit nicht unterschiedene Ausdrücke der deutschen Überlegenheit sind. Doch kann man diese Haltung ernst nehmen? Ist es nicht viel mehr ein Ausdruck der bizarrsten Albernheit wenn etwa Thilo Sarrazin in Talkshows Goethes Nachtwanderung auswendig aufsagt, wie ein abgerichteter Sechstklässler, um zu beweisen, dass er ein besserer Deutscher ist, als die Millionen Eingewanderten, denen er die Zerstörung Deutschlands unterstellt? Ist dies nicht ein Ausdruck eben jener Provinzialität, die Goethe, der den Koran mehr schätzte als die Bibel, am ‚Deutschsein‘ immer geißelte? Und ist es nicht Ausdruck derselben hoffnungslosen Selbstüberschätzung, wenn deutsche Politiker von Sigmar Gabriel bis Marcus Söder meinen sie müssten den Griechen (Spaniern, Italienern, Portugiesen, Iren und generell allen ‚Südländern‘7) erklären wie man Wirtschaftspolitik macht (so wie ‚wir‘), als seien sie Po-Wi8 Lehrer am Gymnasium von Buxtehude? Hinter dem Goethe Zitieren des Einen und der Betonung der deutschen Kardinalstugenden Pünktlichkeit, Fleiß und Ehrlichkeit gegen den ’südländischen Schlendrian‘ steht in Wirklichkeit nichts anderes als derselbe alte Anspruch, dass am ‚deutschen Wesen‘ die Welt genesen solle. Auch verpackt in die schönsten Sonntagsreden von der ‚Europäischen Idee‘ lässt sich dieses schwarz-rot-goldene Schandmal nicht kaschieren.

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Deutsche Kardinalstugenden: Bier und Jägermeister (Mitte)

Doch was heißt es, wie Thomas Mann sagte, im deutschen Geste die europäische Idee, das Universelle zu suchen? Um das zu beantworten braucht es den anderen Deutschen: Archetypen dieser Spezies findet man in den meisten Jugendherbergen des Globus; hier sitzen sie gerne in den Gemeinschaftsküchen herum und reden auch untereinander Englisch, wenn sie der Landessprache nicht mächtig sind, damit jeder versteht, dass hier nichts geheimes ausgeheckt wird, und die sich geschmeichelt fühlen, wenn man nicht sofort errät, dass sie aus Deutschland kommen. Doch dieser Typ trat nicht erst mit der Einführung weltweiter Austauschprogramme auf. Es fällt leicht sich die größten deutschen Dichter und Denker als Seelenverwandte dieses wandernden Volks vorzustellen. Es ist augenfällig, dass einige der größten deutschen Geister ihr Leben im Ausland verbrachten: neben Karl Marx, der zwar immer auf die Deutschen als ‚Bauerngeister‘ schimpfte, aber doch nicht aus freien Stücken gegangen ist, kann man hier vor allem Heinrich Heine nennen – nach dem heute das deutsche Studentenwohnheim in Paris benannt ist – der Deutschland verließ, weil ihm das ‚elende Spießbürgertum‘ seiner Bewohner ‚das Atmen unmöglich‘ machte. Tatsächlich ist es nicht leicht, neben den heute schwer ertragbaren Ergüssen einzelner National-Romantiker, Zeugnisse des viel beschworenen ‚deutschen Geistes‘ zu finden, die sich nicht mit Abscheu vom selben abwandten (wie Hölderlin und Goethe, die ihr Heil im antiken Griechenland suchten) oder beißenden Spott über diesen ausschütteten (Fischart, Jean Paul, Heine, die Liste ließe sich endlos fortsetzen). Ist es am Ende vielleicht sogar dieser Abscheu vom Deutschsein, dass viele der Intelligenten (denn gemäß des Gesetzes der Normalverteilung sollte es überall einige davon geben, selbst in so düsteren Landstrichen wie dem unseren) zu den geistigen Höhenflügen anstachelte, die heute den Mythos vom ‚Land der Dichter und Denker‘ nährt?

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Georg Büchner (2. v. l.) wurde in diesem Essay nicht erwähnt, hat aber auch gute Sachen geschrieben.

Aber bleiben wir bei der Eingangsfrage: Ist denn nun zusammen gewachsen, was zusammen gehört? Behalten wir im Kopf, was wir bereits gesagt haben, nämlich dass die DDR eindeutig das schlechtere Deutschland, die BRD aber auch nicht das bessere Deutschland war, so lässt sich doch feststellen, dass da was zusammen gehört (am ende vielleicht sogar das was da zusammen, wenn schon nicht gewachsen, dann doch wenigstens gekittet ist). Eine ganz andere Frage stellt aber eine Spaltung, die keine politische Spaltung ist, die nie eine war, und die sich daher nicht in geographischen Begriffen von Ost oder West artikulierte: die Spaltung die wir zwischen dem Land der ‚Dichter und Denker‘ und dem der ‚Richter und Henker‘ festgestellt haben. Eine Spaltung zwischen denen, die wir mit Thomas Mann charakterisiert haben als diejenigen, die im Deutschen noch das europäische, das universelle suchen und denjenigen, die auch im Europäischen nur die Fantasie deutscher Größe zu finden vermögen. Es ist der Konflikt zwischen denen, die meinen für die deutsche Überlegenheit seien keine Mittel zu verwerfen, seien es Militäreinsätze am Hindukusch oder repressive Wirtschaftspolitik auf der Peloponnes, und denjenigen, die sich weiter freuen werden, wenn man sie für Dänen hält, solange Hitler deutscher ist als Karl Marx und Franz Kafka. Es ist eine Spaltung, die sich nicht in Grenzen, nicht in Mauern und nicht in Schießanlagen artikuliert; es ist eine Spaltung, die nicht von warmen Worten von knorpeligen Ex-Pfaffen oder Mutterfiguren in bunten Hosenanzügen übertünchen lässt. Am ende bleibt nur festzustellen, dass das einzige, was schlimmer ist als der deutsche Minderwertigkeitskomplex der deutsche Größenwahn ist, der sich dahinter verbirgt. Wenn wir also die deutschsprachigen Humanisten wie Thomas Mann oder Immanuel Kant, auf deren Rücken sich der bundesdeutsche Größenwahn gerne selber feiert, ernst nehmen wollten, dann kann das, was da zusammen gehört jawohl nur die Menschheit sein. Da man bei dieser aber bekanntermaßen auf Nummer sicher gehen sollte, kann man nur sagen: wenn tatsächlich zusammen wachsen soll, was zusammen gehört, hilft nur eines:

Deutschland von der Karte streichen, Polen soll bis Frankreich reichen!

1Das Wort Theorie steht in Anführungszeichen, da es sich hier nicht um eine Theorie im Sinne der griechischen Θεωρία, einer wissenschaftlichen bzw. beweisbaren Annahme handelt.

2Positiv zu vermerken ist allerdings, dass sich die enorme Menge an Brachland im deutschen Osten, v.a. in Brandenburg, positiv auf die Population von Wild-Tieren auswirkte: zurückgekehrt sind nach 200 Jahren der Luchs und der Wolf.

3Mit der ‚Europäischen Idee‘ ist im Folgenden nicht die Idee einer Vorherrschaft der europäischen Union in der Welt gemeint, die EU-Politiker gerne im Sinn haben, wenn sie schöne Worte an diese verschwenden, sondern die Idee vom ‚Frieden der Völker‘, auf welche auf Kant sich beruft. Es ist zwar wahr, dass diese auch gerne Teil der schönen Worte ist, doch rutsche J.C. Junker neulich anderes raus, als er deutlich machte, dass die Griechen mit ihrem Nein zu den erdrückenden Sparauflagen zugunsten von Internationalen Hedgefonds und Großbanken Nein zur „Europäischen Idee“ gesagt haben.

4Ostalgiker, zusammengesetzt aus Osten und Nostalgie, sind Menschen, dies sich nach der DDR zurück sehnen.

5Ohne Verschwörungstheorien Vorschub leisten zu wollen, ist es Interessant, festzustellen, dass während deutschsprachige Geschichten der RAF (z.B. Winkler 2008) behaupten, die internationale Kommission die die „Mordnacht von Stammheim“ untersuchte hätte den Selbstmord der RAF-Mitglieder zweifelsfrei festgestellt, französische Geschichten (z.B. Steiner/Debray 1987) lediglich festhalten, dass sie einen Selbstmord für möglich befunden hat.

6Wikipedia zählt mindestens 484 von der Polizei erschossene Menschen in der BRD, darunter Philipp Müller, Georg von Rauch u.a.; nicht in die Statistik eingerechnet sind Menschen, die unter Einwirken von Beamten bei Einsätzen oder in Gewahrsam umkamen, wie etwa Cornelia Wessmann oder Oury Jalloh.

7Ich weiß, dass Irland nicht in Südeuropa liegt, aber erklären Sie das mal einem Angestellten des Springer-Konzerns…

8Politik und Wirtschaft, wahlweise auch Politik oder Sozialkunde, Unterrichtsfach der gymnasialen Oberstufe.

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